David Biedermann
mini|Portal zu Steibs Hof, [[Nikolaistraße (Leipzig)|Nikolaistraße 28‑32 im Jahr 2017 (das Unternehmen befand sich im Aufgang A III)]] David Biedermann gründete seine Leipziger Unternehmen im Jahr 1892. Im Adressbuch des Jahres 1920 ist die Rauchwarenhandlung unter den Adressen Nikolaistraße 28–32, Aufgang A III und im Stadtteil Gohlis unter Montbéstraße 17 (jetzt. Trufanowstraße), Erdgeschoss verzeichnet. Zehn Jahre danach, 1930, kurz vor Unternehmensende, ist es die Nikolaistraße 12–14 und im Bezirk Eutritzsch die Mothesstraße 1, Erdgeschoss. In einem späteren Rückblick wird für das Lager die Nikolaistraße 13 genannt. Assoziierte Firma in London war die ''Fur & Wool Trading Company''.David Biedermann gehörte zu den Pionieren der im Fernen Osten tätigen deutschen Pelzgroßhändler, obgleich er selbst nie nach Russland reiste. Mit einem Umsatz von 2,6 Millionen Mark im Jahr 1908 gehörte sein Unternehmen zu den größten des Leipziger Brühls. Die Hauptniederlassung im Fernen Osten lag im russischen Urga, einem Zentrum des Wollhandels, dem heutigen Ulaanbaatar. Weitere Niederlassungen waren in der Mandschurei, in Harbin sowie Chialar und Uljajutas in der Mongolei. In Harbin und Tianjin bestanden blühende jüdische Gemeinden, die mit Pelzen handelten. David Biedermann, Rauchwaren war eine der wenigen Leipziger Firmen, die im Fernen Osten Geschäfte im Warenaustausch machten. Das Unternehmen lieferte über Handelskarawanen Vorräte, Tee, Zucker, Leder und Silber an Stämme und Jägergemeinschaften Zentralasiens und erhielt dafür Pelze, Wolle und Tierhaare. Der fernöstliche Warenstrom aus Russland lief zumeist über die Grenze nach China. Das Geschäft auf den klassischen Pelzhandelsplätzen Russlands, der Pelzmesse in Nischni Nowgorod und dem Pelzhandel auf der Irbit-Messe, tätigte Biedermanns Bruder Sebastian von Moskau aus für die Firma. Sebastian Biedermann war von 1875 bis 1926 Mitgesellschafter des Unternehmens.
mini|hochkant=1.5|„Der Brühl war jahrhundertelang Zentrum des internationalen Rauchwarenhandels, geprägt auch durch jüdische Händler“ (Gedenktafel auf dem Brühl) Als russischer Jude profitierte Biedermann von den Vorteilen, die sich aus seiner doppelten Staatsbürgerschaft ergaben. Seine Rauchwarenhandlung gehörte zudem zu den wenigen Leipziger Firmen, die sogar während des Ersten Weltkriegs ihre Geschäftsbeziehungen mit Russland aufrechterhalten konnten. Ein Militärgesetz, das Bürgern feindlicher Staaten auferlegte, die Stadt zu verlassen, wurde gegen diejenigen von wirtschaftlicher Bedeutung nicht strikt durchgesetzt. Ein spezielles Gesetz für Leipzig verhinderte zudem, dass deren Besitztümer als feindliche Vermögenswerte behandelt wurden. David konnte die vorhandenen Waren von Leipzig aus anfangs noch weiter nach London und Amerika verkaufen. Während die Besitztümer des bedeutenden amerikanischen Pelzhandelsunternehmens Eitingon Schild in Russland enteignet wurden, konnte Biedermanns Bruder das Geschäft dort weiter besorgen. Viele der Fabriken und Handelsposten des Unternehmens bestanden noch bis 1924. Die Warentauschgeschäfte seiner Vertreter in der Mandschurei und Mongolei liefen weiter und im Rauchwarenhandel hieß es, „Biedermann dominierte den Pelzhandel an der russisch-chinesischen Grenze“.
Nicht nur im Rauchwarenhandel spielte das Unternehmen eine bedeutende Rolle, sondern auch im Baumwollhandel. Ganze Schiffsladungen lagen in London auf seine Rechnung. Dort wurde das Hauptgeschäft weltweit selbständig von einem Dr. Moses geführt, der seine Weisungen aus Leipzig erhielt. „Es wurden Hunderttausende von Murmeln gekauft und eingelagert, oder ein Hauptteil der australischen Kaninernte übernommen, in Russland riesige Posten Feh oder Füchse im freien Handel erstanden.“
Biedermann hatte nur Interesse „an ganz großen Objekten“. Kleinere Firmen kamen nicht in sein versteckt gelegenes Lager auf der Nikolaistraße, das auch nicht für sich warb. Sein Prokurist Leo Cohn führte und verwaltete für ihn das Stadt- und Provisionsgeschäft.
Die enorme Expansion des Unternehmens geschah weitgehend mit Bankkrediten. Bei der Deutschen Bank hatte es eines der höchsten Konten. Im Jahr 1913, einer Zeit schlechter Wirtschaftslage und kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges, wurde die wirtschaftliche Situation des Unternehmens von einer der Kreditbanken als kritisch angesehen. Nach dem Krieg wurden die Bankkredite schnell wieder aufgenommen. Kurzfristige Darlehen ermöglichten es den Leipziger Rauchwarenfirmen, ab 1921 die Pelzauktionen in London zu besuchen. Das galt auch für Biedermann, einer der wenigen, der noch eine Londoner Niederlassung unterhielt. Eine interne Bankeinschätzung besagte: „Biedermann hat das russische Geschäft in weitem Umfang aufrecht erhalten und kann daher in Friedenszeiten höhere Gewinne erzielen als jemals zuvor“. Entsprechend diesen Erwartungen erhielt er schnell wieder hohe Kreditzusagen. Die Deutsche Bank in Leipzig gewährte ein Limit von 400 Tausend Mark, im Jahr 1920, der Zeit der Hyperinflation, einen ungesicherten Kredit von 2 Millionen Mark, anschließend 100 Tausend Mark.
Im Frühjahr des Jahres 1928 „schlug es wie eine Bombe ein“, als die Berliner B.Z. schrieb: „Achtzigfacher Leipziger Millionär verhaftet“. Biedermann und Leo Cohn wurden in Untersuchungshaft genommen. Der Vorwurf lautete, sich gegen die Devisengesetze vergangen zu haben. Philipp Manes bemerkte dazu: „Wie das Verfahren ausging, unter welchen Bedingungen die Behörden von der Strafverfolgung absahen, weiss nur der Verteidiger, der berühmte Justizrat Drucker.“ Nach einer kurzen Haftzeit zog sich Biedermann auf sein Besitztum in Nizza zurück. Seit Jahren körperlich leidend, starb er dort, „einsam, wie er gelebt hat“, im Dezember 1929.
Nach seinem doch unerwarteten Tod liquidierte die Firma 1931. Die Forderung der Deutschen Bank belief sich auf 5 Millionen Mark, von der jedoch wegen des weitgehend ungesicherten Kredits nicht viel zu realisieren war. Einige andere, mit der Firma in Geschäftsbeziehungen stehende Rauchwarenfirmen, die von ihr Warenkredite erhalten hatten, mussten ebenfalls aufgeben. Auch für weitere Unternehmen verschlechterte sich die Lage, da die Banken ihre Kreditzusagen für die Branche kürzten. Veröffentlicht in Wikipedia